Warum es keine gewaltfreie Gesellschaft geben kann

Wenn man den Leuten so zuhört, dann hört man oft Dinge wie „Wir sind eine gewaltfreie Gesellschaft und wir finden für alles gewaltfreie Lösungen“. Natürlich ist das erst einmal völlig richtig, Gewalt ist schließlich nichts, was man in irgendeiner Form erleben möchte.

„Polizeigewalt“

Oft sind es aber dann auch diese Leute, die im weiteren Gesprächsverlauf eine gewisse Naivität beweisen. Und nicht selten sind es auch genau diese Leute, die als erstes „Polizeigewalt“ rufen, wenn die Polizei Recht und Ordnung einmal mit etwas härteren Mitteln durchsetzt oder sogar einen messerschwingenden Vollidioten in Notwehr erschießen muss.

Dazu muss man dann auch nicht alle Details kennen. Und man muss sich auch nicht für die Situation der Polizeibeamten interessieren, die weder von der Gesellschaft noch von ihren Vorgesetzten auf eine allzu große Unterstützung hoffen können, obwohl sie jeden Tag für uns ihre Gesundheit riskieren. Der reflexhafte Ausruf des Wortes „Polizeigewalt“ genügt und man steht fest und entschlossen auf der Seite der Guten.

Nun ist die Anwendung von Gewalt durch die Polizei eine Grauzone, über deren genauen Verlauf man lange und intensiv streiten kann. Selbstverständlich darf die Polizei nicht soviel Freiraum erhalten, dass Polizisten ihre Privilegien zu kriminellen Handlungen nutzen können. Und da der Mensch nun mal nicht von grundauf gut ist und wir alle nur Menschen sind, würde sich der eine oder andere irgendwann zu einem solchen Machtmissbrauch verleiten lassen.

Das ist das eine Extrem. Im heutigen Europa sind wir davon aber in der Regel nicht nur sehr weit entfernt, wir befinden uns schlichtweg im anderen Extrem. Die Polizisten müssen sich nicht nur vor Medien und Bürgern fürchten, die für die kleinste echte oder eingebildete Verfehlung vom hohen Altar der unfehlbaren Moral auf sie herabblicken und über sie richten werden. Sie müssen sich vor allem deshalb fürchten, weil sie wissen, dass ihre Vorgesetzen sich im Zweifel nicht schützend vor sie stellen, sondern sie ohne mit der Wimper zu zucken der medialen Hinrichtung preisgeben werden.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass Polizisten in besonders ungünstigen Situationen manchmal doch lieber auf die Verteidigung der Rechtsordnung verzichten. Schließlich gehen sie schnell ein doppeltes Risiko ein. Mit gewalttätigen Kriminiellen ist nicht zu spaßen und dasselbe gilt auch für den übereifrigen Staatsanwalt, der die Richtigkeit einer in Sekundenbruchteilen getroffenen Entscheidung gerne im entspannten Ambiente seines komfortablen Büros von allen Seiten beleuchtet, um den Beamten dann im Gerichtssaal eloquent und detailliert auf seine Verfehlungen aufmerksam zu machen.

Es kommt noch schlimmer

Nun könnte man meinen, dass das schon schlimm genug ist. Doch leider ist das nicht das größte Problem. Das langfristig viel größere Problem ist, dass diese Leute tatsächlich glauben, wir wären im Begriff die Gewalt für alle Zeit aus der Welt zu verbannen. Sie glauben, wir wären auf geradem Wege in ein Utopia, in dem es keine Gewalt mehr geben wird oder wir müssten zumindest, wenn alles mit rechten Dingen zuginge, dorthin unterwegs sein. Und deshalb sind diese Leute so geschockt von den gegenwärtigen Veränderungen in der Welt und deshalb reagieren sie so gereizt, wenn sie irgendwo „Polizeigewalt“ vermuten. Diese Dinge schrecken sie so sehr auf, weil sie ihre Utopie als solche entlarven.

Jetzt haben wir hier in den Gesellschaften Westeuropas in den letzten 70 Jahren tatsächlich sehr wenig Gewalt gesehen und wir können uns darüber sehr glücklich schätzen. Aber was ist der wahre Grund dafür? Anders als manche Zeitgenossen glauben, haben wir uns nicht „weiterentwickelt“. Wir sind nicht zu einer überlegenen neuen Gattung Mensch mutiert, die die Moral mit Löffeln gefressen hat und die zu keiner bösen Tat mehr fähig ist. Wir sind noch dieselben Menschen, wie die, die vor fünfhundert, tausend oder zweitausend Jahren gelebt haben.

Was hat sich also verändert? Nun dafür sind zwei Entwicklungen verantwortlich. Eine Rechtssprechung gibt es wohl schon, seit der erste Häuptling zum ersten Mal mit den Verfehlungen eines seiner Untertanen konfrontiert wurde und Recht über ihn gesprochen hat. Man kann sich leicht vorstellen, dass das eine eher willkürliche Angelegenheit gewesen sein muss.

Erst die moderne Demokratie mit ihrer Gewaltenteilung und die Idee des Rechtsstaats schufen für alle verbindliche Gesetze. Wo die Gewalt des Staates früher der Willkür eines Herrschers unterlag, war sie plötzlich dem Gesetz unterworfen.

Verstößt jemand gegen das Gesetz, so wird er mit dieser Gewalt konfrontiert. Wird jemand wegen Diebstahls verhaftet oder wegen Mordes zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt, so ist das nichts anderes als staatliche Gewalt. Aber es ist Gewalt, die durch Gesetze geregelt ist und die nicht den Launen eines Herrschers folgt. Und wenn dazu noch geringe Korruption, effektive Polizeiarbeit, relativer Wohlstand und funktionierende Gerichte hinzukommen, ist Gewalt in den meisten Fällen einfach keine besonders clevere Handlungsoption mehr.

Wir haben also nicht die „gewaltfreie Gesellschaft“ erfunden und wir sind auch nicht auf dem Weg dahin. Die Gewalt ist nie verschwunden. Unsere Gesellschaft basiert im Grunde genauso auf Gewalt, wie jede andere Gesellschaft vor ihr auch. Wir haben die Gewalt lediglich in Ketten gelegt. Und das ist eine großartige zivilisatorische Leistung.

Glücklicherweise gab es in der jüngeren Geschichte Männer, die ihre Augen nicht vor den schlechten Seiten der menschlichen Natur verschlossen und sich nicht irgendwelchen wilden Wunschvorstellungen hingegeben haben. Stattdessen blieben sie pragmatisch und ersannen Mechanismen, die uns zwar nicht zu besseren Menschen machen, die aber doch zumindest die schlimmsten Formen von Machtmissbrauch verhindern und dadurch, soweit wie dies pratkisch möglich ist, so etwas wie „Gerechtigkeit“ ermöglichen.

Mit Naivität ist kein Staat zu machen

Und genau darum sind diese naiven Ansichten so gefährlich. In ihrem blinden Wahn nach vollkommener Gerechtigkeit und in ihrem weltfremden Streben nach absoluter Gewaltfreiheit sehen diese Menschen nicht, dass wir dieser Welt bereits das Bestmögliche abgerungen haben und dass das, was wir haben, unbedingt verteidigt werden muss.

Die Unterwerfung der Gewalt unter die Regeln den Rechtsstaats erlaubt es uns, in relativer Sicherheit und weitgehend ohne eigene Gewalterfahrungen unser Leben zu leben. Doch dürfen wir niemals vergessen, dass dies alles nur eine Abstraktion ist. Die gewalttätige Natur der Welt selbst hat sich nicht verändert. Wenn wir das vergessen, laufen wir Gefahr all das Erreichte zu Verlieren.

Denn so, wie der Rechtsstaat gefährdet wäre durch eine korrupte, willkürliche und gewalttätige Polizei (die wohl nur in der lebhaften Fantasie mancher Zeitgenossen existiert), genauso ist er heute tatsächlich gefährdet, durch eine weltfremde Hochmoral, angesichts derer die Polizei sich langsam fragen muss, ob sie sich durch die Verteidigung der Rechtsordnung weiter unbeliebt machen soll oder ob es nicht doch besser wäre, politisch korrekt zu kapitulieren.

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