Der Vogelschiss: Was Gauland wirklich gemeint hat

Ich bin nicht unbedingt ein Freund von Alexander Gaulands Formulierungskunst. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass ich eine Nachrichtenseite öffne und ein wenig erschrocken bin über eine äußerst unglückliche Formulierung aus Gaulands Mund, die von der Presse natürlich sofort als Steilvorlage genutzt wird.

Vielleicht hat Alexander Gauland manchmal ein Problem, sich klar auszudrücken. Vielleicht ist es aber auch gewollte Provokation.

Ich weiß es nicht.

Die Medien jedenfalls zitieren Gauland in erster Linie verkürzt auf diesen Satz:

Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahre erfolgreicher deutscher Geschichte.

Schauen wir uns also erst einmal an, was Gauland überhaupt im Kontext gesagt hat:

Hier auch nochmal der vollständige Text:

Wir haben eine Ruhmreiche Geschichte, daran hat vorhin Björn Höcke erinnert. Und die liebe Freunde dauerte länger als die verdammten 12 Jahre. Und nur wenn wir uns zu dieser Geschichte bekennen, haben wir die Kraft die Zukunft zu gestalten. Ja, wir bekennen uns zu unserer Verantwortung für die 12 Jahre.

Aber liebe Freunde, Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahre erfolgreicher Deutscher Geschichte.

Wie bereits gesagt, kann mich Gaulands Formulierungskunst oft nicht wirklich überzeugen. Und den letzten Satz, den hätte er sich in dieser Form wirklich sparen können.

Eine solche rhetorische Zuspitzung mag bei 99% aller politischen Themen ein probates Mittel darstellen, bei Themen wie Nationalsozialismus oder Holocaust sollte man aber grundsätzlich einer weit differenzierteren Ausdrucksweise den Vorzug geben. Ansonsten wird man leicht missverstanden. Und das sollte gerade jemand wie Alexander Gauland mittlerweile doch eigentlich auch wissen.

Wenn man aber verstehen will, was Gauland wirklich gemeint hat und auf welche Problematik in unserer Gesellschaft er (meiner Meinung nach etwas unbeholfen) anspielt, dann ist nicht der Begriff „Vogelschiss“ der Dreh- und Angelpunkt dieser Passage, sondern der Begriff von der Gestaltung der Zukunft.

Gauland sagt, dass die Deutsche Geschichte weit mehr ist als 12 Jahre Nationalsozialismus. Und er sagt, dass wir uns zu dieser Geschichte bekennen müssen, um die Zukunft zu gestalten, was er dann im nächsten Satz auch explizit tut.

Und genau hier liegt diese gesellschaftliche Problemstellung verborgen, die alle Kommentatoren so gekonnt ignorieren und die den Kern von Gaulands Aussagen bildet.

Um die Zukunft zu gestalten, müssen wir einen würdigen Umgang mit unserer Vergangenheit finden. Wir müssen die Verbrechen des Nationalsozialismus in angemessener Erinnerung behalten, zugleich ist es aber auch unsere Pflicht, nachfolgenden Generationen ein insgesamt positives Selbstbild zu vermitteln.

Und an diesem schwierigen Spagat sind wir bisher leider kläglich gescheitert.

8 Gedanken zu “Der Vogelschiss: Was Gauland wirklich gemeint hat

  1. „… Wir müssen die Verbrechen des Nationalsozialismus in angemessener Erinnerung behalten, zugleich ist es aber auch unsere Pflicht, nachfolgenden Generationen ein insgesamt positives Selbstbild zu vermitteln.

    Und an diesem schwierigen Spagat sind wir bisher leider kläglich gescheitert.“

    Na ja, in „Erinnerung behalten“ macht man ja. Tagaus, Tagein prasselt es auf uns ein: Soviel Schuld haben wir gesammelt und dieses Credo nagelt uns seit Jahrzehnten so an die Wand, als dass es mit tackert uns noch passend formuliert wäre.

    Man mache nur mal ein kleines Experiment: Eine Woche N24/Welt und n-tv ansehen; ausschließlich. Und sich dann hinsetzen und fragen, wie oft das ‚Dritte Reich‘ nicht mal ein Prozent seines Tausendjährigen Ziel erreicht hat. Heldenhafte britische SAS-Soldaten, tapfere GIs, Hitlers geheime Waffen, der WWII in Farbe und was weiß ich noch.

    Ehrlich, es reicht. Es gibt den s.g. „negativen Grenzwert“ in solchen Dingen – und den hat man schon lange erreicht. Ich kenne niemanden, der es noch hören mag, selbst mein Kind nicht. Und die findet die damalige Zeit und den destruktiven Hampelmann mit Heiserkeit und Nasenbart genauso verachtenswert wie ich.

    Aber anscheinend braucht der Deutsche dieses permanent miese Gefühl an Allem Schuld zu sein und die postpubertären Bahnhofs-Teddy-Werferinnen fühlen sich allein schon deshalb so gutmenschlich toll, weil sie vermeinen, dass sich das „Sommermärchen“ der „Mannschaft“ wiederholt habe …

    Und ja, ich finde beides dusselig – diese Train-Station-Girlies und diesen Schixx-Vergleich von Gauland. Und ich gebe dem Eingangs von dir zitierten vollkommen recht: „Angemessen“ und „ein positives Selbstbild“.

    Soweit mein weites Ausholen dazu. Hendryk M. Broder hat heute, 4.6. dazu etwas in der Welt geschrieben, was sich leider hinter einer Paywall versteckt:

    „Wenn es aber bei der Kategorie „Vogelschiss“ bleibt, muss Geschichte neu geschrieben werden. Dann waren auch die Schlacht auf dem Amselfeld, der Dreißigjährige Krieg und die Schlacht um Verdun „Vogelschiss“, der Untergang der Titanic, der Absturz des Luftschiffes Hindenburg und die Versenkung der Wihelm Gustloff ebenso; in dieselbe Kategorie fallen auch die alliierten Angriffe auf Köln, Dresden und Hamburg. Alles Vogelschiss. Dazu der Reichstagbrand, der Bau und der Fall der Berliner Mauer, die Anschläge von 9/11. Vogelschiss, was sonst!
    Habe ich etwas Vogelschissartiges übersehen? Ja, die Völkermorde an den Herero, den Nama und den Armeniern. Dazu die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten infolge des unvorhergesehenen Ausgangs vom WK 2.

    „Vogelschiss“ gibt es nur all-inclusive. Alles andere wäre Rosinenpickerei.“

    Speziell vor dem Hintergrund seiner Herkunft ist dieser Text eigentlich der einzige lesens- und reflektierenswerte Kommentar zu dem ganzen und vermutlich ungewollt angestoßenem Affentheater.

    Merkel steht gerade im Visier der Politik, nach ihrem Kapitel „Mein Bamf“ und verdrückt sich zur „Mannschaft“, der deutschen Nationalelf. Und das, währenddessen eine Trauerfeier zu den Opfern der ICE-Katastrophe in Enschede stattfindet!

    Ein Fliegenschiss?

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  2. Vielleicht kann Rollo Tomassi mit seiner „Eisernen Regel Nr. 9“ hier etwas weiterhelfen:

    „Mache Dich selbst nicht runter“.

    Sage diesen einfachen Satz ein- oder zweimal am Tag zu Dir selbst. Schon sehr bald wirst Du viele Dinge aus einer ganz anderen Perspektive sehen.

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  3. Ohne Frage ist das Thematisieren der NS-Vergangenheit und ihre ausgewogene Betrachtung in Deutschland ein „vermintes Terrain“, die Probleme haben Sie differenziert dargestellt. Herr Gauland fiel jedoch nun bereits öfter durch Formulierungen auf, die – auch jenseits der dauererregten und stets alarmbereiten Links-Klientel – für manches Stirnrunzeln sorgten. Bei aller grundsätzlichen Neutralität und Fairness gegenüber der AfD-Führung im Allgemeinen und Herrn Gauland im Besondern muß man aber in die Abwägung miteinbeziehen, dass dieser eine Vielzahl (bei Wikipedia abrufbarer) Funktionen im Kernbereich politischer Leitungsverantwortung, sei es als BT-Fraktionsmitarbeiter, OB-Büroleiter oder Chef der hessischen Staatskanzlei bekleidete. Wer auf diesen Positionen beruflich tätig war, weiß um die Sprengkraft von Begriffen und Worten und bietet Gewähr, nicht zufällig „unglücklich“ zu formulieren – andernfalls wäre er eine Fehlbesetzung.

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    • Nun, ich weiß auch nicht, warum Gauland öfters mal rhetorisch so daneben haut. In diesem Fall war er bei Jungen Alternativen, womöglich dachte er hier ein wenig auf den Putz hauen zu können.

      Grundsätzlich finde ich die Strategie der AfD das in Deutschland arg eingeschränkte zulässige Meinungsspektrum durch Provokationen zu erweitern gut und da wurde bisher auch schon viel erreicht.

      Aber man sollte es nicht übertreiben und gerade bei solchen sensiblen Themen muss man seine Worte sehr sorgsam abwägen.

      Gerade seine Wehrmachtsaussage ist in diesem Zusammenhang auch interessant. Auch da hat Gauland meiner Meinung nach ein wichtiges Thema angesprochen. Nämlich diese völlige undifferenzierte Distanzierung von den eigenen Soldaten, die da sicher nicht gekämpft haben, weil sie alle glühende Nazis waren aber nun mal in diese Zeit hinein geboren waren und nur diese eine Heimat hatten. Dieses Thema könnte man ebenfalls gekonnt aufbereiten, der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit der Vergangenheit auffordern. Aber auch da begnügte sich Gauland lieber mit einer ganz plumpen Provokation. In einem Wahljahr und noch dazu kurz vor der Bundestagswahl war das auch taktisch zum sich an den Kopf fassen.

      Vielleicht wird er auch einfach langsam senil?

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      • Nein, an beginnende Senilität glaube ich nicht 😉 . Eher halte ich es für möglich, dass er versucht, über das bürgerlich-konservative Spektrum der „klassischen CDU-Wähler“ hinaus dezent in „neurechte“ Strömungen Signale zu senden. Sein Kollege Höcke hat anscheinend eher die NPD/„Kameradschaften“-Ecke im Visier. Arbeitsteilung?

        Ich gebe Ihnen recht, dass allein durch den linkslastigen Umbau der Gesellschaft die AfD Sympathien beanspruchen darf, aber – wie Sie ja korrekt zu verstehen geben: Es gibt auch hier Grenzen.
        Was differenzierte Aussagen zur neueren Geschichte betrifft, würde ich es sehr begrüßen, diese der Gelehrtenschaft der Rechts-, Politik- und Geschichtswissenschaften zu überlassen. Eine Reflektion im politischen Raum auf dem akademischen Niveau eines Seminars wird, so fürchte ich, Wunschdenken bleiben – hier wird alles auf den Boden des Tagesgeschäfts gezerrt. In meiner beruflichen Tätigkeit im „politischen Berlin“ habe ich zudem nur 2 bis 3 Personen kennen gelernt, die solch einem Diskurs ernsthaft zu folgen im Stande wären…

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        • Das ist natürlich vorstellbar, allerdings wäre es unendlich dumm. Die AfD ist heute in Bezug auf „ganz rechts“ in einer ähnlichen Position wie der, in der sich die Union mit kleinen Unterbrechungen für Jahrzehnte befand.

          Abgesehen von den kurzen Hochzeiten der NPD und der Republikaner gab es nie eine Partei rechts der Union, die Parlamentssitze gewinnen konnte.

          Selbst jemand der wesentlich weiter rechts steht als uns hier lieb ist, der musste einfach CDU wählen weil er sonst nur den linken Block gestärkt hatte.

          Und heute muss er, wenn er taktisch denkt, AfD wählen, alleine schon deshalb, weil keine andere Partei rechts der heutzutage durch und durch linken CDU medial und parlamentarisch irgendwie stattfindet. Und das Provokationspotential ist auch ohne Höckes und Gaulands Ausfällte unerreicht.

          Mit den paar, denen die AfD zu links ist und die sie selbst aus taktischen Gründen nicht wählen, ist kein Staat zu machen.

          Wer dieses Land wirklich verändern will, der muss vor allem der Unter- und Mittelschicht klar machen, was man ihnen alles schon weggenommen hat und noch wegnehmen wird – finanziell, sozial (Familie) und kulturell.

          Die illegele Einwanderung ist ja nicht das einzige Problem in diesem Land. Da gibt es auch noch Dinge wie etwa den jahrzehntelangen Fokus auf den Export, die niedrige Eigentumsquote, den für die meisten mittlerweile unmöglichen Immobilienerwerb, die Auflösung der Familie und die Ungerechtigkeiten im Scheidungsrecht.

          Es stellt sich in diesem Land eine allgemeine Perspektivlosigkeit ein, und je schneller man dieser politisch eine Stimme gibt, desto eher kann man es noch zum Besseren wenden.

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  4. Pingback: Gauland lernt dazu | neokonservativ

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